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Besuch in der Apotheke

Libidomangel? Nimm ein Tablettchen. Nicht feucht genug? Warum ein Gleitmittel, es gibt da ja ganz spezielle Cremes. Diese kosten natürlich mehr – aber nur dann hilft es auch.

Ziemlich fassungslos beobachte ich, wie die Pharmaindustrie nun auch die Sexualität der Frau über 50 entdeckt hat. Die meisten Ladys in diesem Alter sind entweder kurz vor oder mitten im Wechsel oder sie genießen bereits die Zeit danach. Ja, ich schreibe genießen. Denn nun könnte die Frau endlich ficken, ohne Angst vor Schwangerschaft, ohne sich mit Chemie vollzustopfen um genau diese Szenario zu verhindern, sondern rein aus Lust und Geilheit. Die Natur hat es nicht zufällig eingerichtet, dass Mann bzw. Frau ab einem gewissen Alter nicht mehr nur testosteron- bzw. fortpflanzungsgesteuert durch die Lande laufen. Die Natur gibt uns bewusst eine neue Aufgabe – nämlich uns zu finden, uns selbst lieben zu dürfen und zur inneren Ruhe und Ausgeglichenheit zu kommen. Die perfekten Voraussetzungen für ein erfüllendes Sexualleben, oder?

Klar, gibt es gravierende Veränderungen im Körper. Die Hormone spielen verrückt, die Gelenke schmerzen, die Haut zeigt die gelebten Jahrzehnte und ja, man wird gemütlicher. Zweifelsohne reagiert der weibliche Körper und das sexuelle Verlangen entspricht nicht mehr dem, einer Zwanzigjährigen. Aber warum darf das nicht sein? Warum müssen wir schon wieder nur funktionieren, ohne zu hinterfragen? Warum nehmen wir dies nicht als Chance, endlich Zeit für uns und unsere sexuellen Bedürfnisse anzumelden? Ich breche eine Lanze für diese „Zweite Reise“, welche wir Frauen antreten dürfen. Sexualität ist variabel, Sexualität begleitet uns in jeder Phase unseres Lebens und jede Phase hat andere Prioritäten.  Ich beobachte, wie viele Frauen bereit sind, sich mit viel Einsatz und Mühen durch Sport, bewusste Ernährung, Meditation etc. weiterentwickeln, ohne diesen Weg auch in der Sexualität zu gehen.

Die Gesellschaft zeigt mir, dass für alles Zeit da ist – nur nicht für Erotik und Sex. Das muss und soll zwischendurch passieren, wenn es halt gerade passt. Doch wann passt es wirklich? Nur dann, wenn ich mich freischaufle von gesellschaftlichen Verpflichtungen, familiären Terminen und Energieräubern, welche mir meine Lebens- und Sexzeit stehlen. Ein wichtiges Thema zur reifen Sexualität ist die Qualität der Alltagsbeziehung zwischen den Partnern. Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, Zärtlichkeit, sowie Respekt und Wertschätzung für den anderen sind die Grundpfeiler für die Lust und das Wollen. Ist man in einer Lieblosbeziehung verhaftet, wird es kein Verlangen nach einem geilen Fick geben. Egal ob dieser nach christlichen Werten als „normaler“ Sex bezeichnet wird, oder ob man sich in der Welt der dunklen Leidenschaften des SM bewegt.

Ohne das vorbehaltlose liebevolle Nehmen des Partners gibt es keine erfüllende Sexualität. Da helfen keine Cremes und Tabletten, da helfen nur intensive Gespräche, bedingungslose Hingabe, die Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen und gemeinsames lustvolles Arbeiten an Phantasien, Stellungen und Techniken, die beiden gefallen. Als Frau soll man Flagge zeigen - als Frau über 50 soll man mit den Fahnen wehen. Ich appeliere an meine Schwestern: Nehmt Euch Zeit, zeigt Euren Männern genau was Euch gefällt, genießt jedes Detail länger, zelebriert das Miteinander, denn der reifere weibliche Körper verlangt ebengenau dieses – endlich wahrgenommen zu werden, ohne den Druck perfekt sein zu müssen. Dann wird die Fotze auch feucht, dann wird auch die Libido wieder erwachen und ihr erlebt eine andere, neue Qualität Eures Sexlebens und hoffentlich viele leidenschaftliche Orgasmen.

Abschließend ein paar Zeilen des Psychotherapeuten Hans Jellouschek, der diese Thematik in berührenden Sätzen zusammengefasst hat:

„Gerade aber um die Liebe in einer Paarbeziehung lebendig zu halten braucht es solch freien Zeiten:

Zeiten der Erinnerung,
Zeiten des Vorausphantasierens,
Zeiten der Stille, in denen man einfach zusammensitzt,
Zeiten der Zärtlichkeit und der körperlichen Begegnung.
Es muss Zeiten geben, die aus dem täglichen Arbeitsablauf ausgeklammert sind.
Inseln im Strom des Alltags,
Blumenbeete im Garten der Nutzpflanzen, Oasen in der Wüste.

Sich als Paar die Zeit nehmen um nichts anderes miteinander zu tun,
als miteinander einfach „da“ zu sein.“


Mit schwesterlichem Gruße
Lady Desire